Ich lese für Sie und meine Zuhörer:

Lesung im Café Monsieur M. in Velbert-Neviges
Geschichte: Liebesperlen

Lesung im Café Monsieur M. in Velbert-Neviges
Geschichte: Der Namensgeber

Meine Leseproben:

Leseprobe
KopfKissenKino

Peter J. Scholz
ISBN:  978-3-942614-55-9
164 Seiten, Paperback
12,30 €
Neuerscheinung September 2013

 Vollständigkeit

 

Klassentreffen. Segen und Fluch zugleich. Einerseits hofft man ein paar Gesichter wieder zu sehen, mit denen die Zeit zwischen den Unterrichtsstunden und selbige darüber hinaus erträglich wurde. Andererseits hofft man ein paar Gesichter nicht wieder zu sehen, die einem den Unterricht und die Zeit dazwischen anstrengend machte.

Letztendlich geht man aber doch hin — und sei es nur, um sich selbst versichern zu können, wie weit die anderen sich verändert haben. Man selbst aber sich selbst treu geblieben ist.

Was für ein Selbstbetrug. Binnen weniger Minuten weiß man, warum dieses Gefühl nie wirklich verschwunden ist, sich bestenfalls schlafen gelegt hat. Und die kleinen Missgeschicke und Unachtsamkeiten von einst in den Erzählungen der Schulkameraden nun irgendwie — historisch wirken. Das, was uns prägt, macht uns aus. Letzten Endes.

Meine Frau hatte mich doch etwas seltsam angesehen, als ich ihr mitteilte, dass ich zu diesem Treffen gehen wollte. Und sei es nur, um mich meiner Dämonen aus Kindheitstagen zu versichern. Die ich glaubte, überwunden zu haben. Die aber nur schliefen — all die Jahre hindurch. Und mir erst einmal bewiesen, dass man über manches nie wirklich hinweg kommt.

Uwe und Stefan hießen meine. Heißen sie immer noch. Und natürlich ließen sie 20 Jahre Entwicklung nicht wirklich gelten. Wo bliebe dann der Spaß — zumindest nach ihrer Auffassung.

Manches ändert sich — auch nach all den Jahren — nicht. So ertrug ich den einen oder anderen Spruch aus ihrer Richtung — denn meist hielten sie sich nicht direkt bei mir auf. Die Theke ist ihnen in ihrem Bunde der Dritte. Heute wie damals. Trio Infernal. Bierschaumgebremst. Zumindest streckenweise.

Was mir hier und da die Gelegenheit gibt, mich ungestört mit einzelnen Personen aus der Vergangenheit zu unterhalten.

Man erfährt so einiges, lacht pflichtschuldig, wird überrascht von Menschen, die man früher so oder gar nicht wahrgenommen hat. Oder lässt sich einfach voll labern. Was mit fortschreitendem Abend auch ganz okay geht.

Als ich mich nach rund fünf Stunden an einen Stehtisch im hinteren Bereich des Lokals zurückziehe, um die Eindrücke des bisherigen Abends Revue passieren zu lassen, drängt sich ein Gedanke durch die Erinnerungen. Der Gedanke an Michael.

Der besonders stark geworden ist, als ich das Heft durchblättere mit all den War- und Ist-Fotos.

Und der Gegenüberstellung von einstigen Wünschen und Träumen — und was die Wirklichkeit sich erlaubte an Karten in den Jahren seit damals auszuteilen.

Darunter ist auch Michael. Der sich über die Jahre kaum verändert zu haben scheint. Den ich glaubte kurz gesehen zu haben. Mir dann aber nicht wirklich sicher war. Aber der Gedanke blieb.

Und wurde lauter.

So stehe ich nun hier und richte den Blick nach innen.

Die gute Stimmung um mich herum zieht sich zurück — nicht weil sie erstirbt, sondern weil ich meinen Gedanken nachhänge und sie ausblende. Meine Wahrnehmung schließt mich in ihren ganz persönlichen Kreis ein und lässt die Wirklichkeit außen vor.

Ich drehe das halbvolle Kölsch-Glas in meinen Händen, hebe es gedankenverloren hoch, beobachte, wie das Licht der Thekenbeleuchtung sich in dem flüssigen Gold bricht und bin ... wieder elf Jahre alt.

Elf Jahre an einem Nachmittag im August, als die Stunden eines Sommernachmittags in der Hitze noch länger schienen, als sie sich überhaupt dehnen konnten. Mit Sandalen ohne Socken an den Füßen, einer abgeschnittenen Cordhose und einem T-Shirt, welches das Maskottchen der WW von 1978 abbildete.

Ich stand auf dem Bürgersteig vor dem Zeitschriftenladen in meinem Heimatdorf, neben der Ampel. In meiner Hand das Zweimarkstück, das von der Wärme meiner Handinnenfläche mit einem leichten Schweißfilm bedeckt war. Eigentlich hätten sich dort zehn Tüten Sammelbilder befinden sollen. Zu je 20 Pfennig das Stück.

Mein Fußballsammelalbum forderte Vollständigkeit und ich war gewillt gewesen, ihm dazu zu verhelfen.

Doch es gab keine Sammelbilder mehr.

Ausverkauft!

So ein Mist! Mist! Mist! echote es durch mich durch.

Als die Ampel auf Grün sprang, überquerte ich die Straße, wandte mich nach links, passierte die alte Bäckerei und überquerte noch eine Straße. Dann parallel zur Bundesstraße auf der Höhe der Bushaltestelle weiter.

Erst am Morgen war es mir gelungen, den fehlenden Rummenigge gegen zwei Beckenbauer einzutauschen.

Somit fehlte nach drei Wochen des Sammelns nur noch ein Bild. Wenn mir das Glück am Morgen schon auf die Schulter schlug, dann würde es mir auch am

Nachmittag zulächeln. Törichte Annahme der Jugend!

Jemand anderer hatte den letzten Karton Sammelbilder gekauft. Vor nicht einmal 5 Minuten.

Den GESAMTEN Karton!

Hätten 10 oder 15 Tüten nicht gereicht?

Dann wäre auch etwas für mich übrig geblieben.

Ich war wütend.

Die Augustsonne lachte heiß vom Himmel und mich aus. Ich kam am Bushäuschen vorbei. Im Schatten des kleinen Baus aus drei Wänden aus Gips, Holz und Grundsteinen behütet von einem Dach aus Schieferplatten saß eine Gestalt, die ich zuerst nur aus dem Augenwinkel wahrnahm. Ich blieb stehen und wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Starrte in die Luft und spürte wie das Zweimarkstück noch wärmer zu werden schien.

Während ich so unverrichteter Dinge da stand, hörte ich in der Stille des Nachmittags ein deutliches Knistern. Es brach ab, wiederholte sich.

Das Geräusch erkenne ich auch heute noch mit verbundenen Augen: das Auseinanderziehen einer Tüte Sammelbilder an der Klebeleiste. Das Öffnen des spannungsgeladenen Geschenks an sich selbst.

Mein Blick ging in den Schatten des Bushäuschens.

Ich musste zweimal zwinkern, dann erkannte ich die Gestalt, die dort auf der Bank saß und Tütchen öffnete: Michael, das Pickelgesicht. Mein Klassenkamerad.

Na ja... Kamerad.

Er war erst zur zweiten Hälfte des Schuljahrs in unsere Klasse gekommen. Und keiner mochte ihn.

Warum konnte vermutlich keiner so genau sagen, aber nach dem ersten Tag zusammen im selben Klassenraum hatten wir Jungs unser Urteil gefällt. Also Uwe und Stefan — unsere Klassenrowdys — nahmen uns diese Aufgabe ab. Nicht dass wir dagegen etwas zu sagen gehabt hätten. Es sei denn, man wollte das Glück, das eine solche Diktatur mit sich bringen kann in Frage stellen. Dies bedeutete Klassenkeile. Und darauf war niemand wirklich scharf.

Also war das Ergebnis einstimmig, sozusagen — ich akzeptierte es stillschweigend, weil alle dafür waren. Was mich nicht weiter belastete. Und die Mädchen der Klasse zählten ja sowieso nicht.

Was aber zählte, war der Karton mit den Fußballsammelbildern, der neben Michael auf der Bank stand und aus dem er die nächste Tüte pflückte.

Gekonnt riss er sie auf, warf die Verpackung zusammengeknüllt in den Mülleimer an der Wand, während er die 5 Bilder Inhalt, die eine solche Tüte beinhaltete, mit einer Hand fächerförmig auseinanderbreitete.

Er schüttelte leicht den Kopf, dann legte er die Bilder auf den Stapel neben seinem Oberschenkel. Schon griff er sich die nächste Tüte aus dem Karton.

Ich trat näher.

Michael, im Begriff die neue Tüte zu öffnen, hielt kurz inne und sah hoch. „Ach, Thomas, du bist 's", murmelte er.

Seine Pickel glühten, genau wie sein Gesicht. Er war ganz woanders, ganz in seinem Element.

„Wusste gar nicht, dass du sammelst", gab ich so lässig von mir, wie ich nur konnte.

In mir glühte es nun ebenso, denn ich sah das oberste Bild von denen die Michael gerade aus der Verpackung gezogen hatte: Paolo Rossi — der einzige Spieler, das einzige Bild, das mir noch in meinem Album fehlte.

„Ach Mensch, nicht du schon wieder...", stellte Michael enttäuscht fest. Dann zu mir gewandt: „Mein Vater hat auch schon gesammelt — ist ne Tradition bei uns!" Er sah noch mal auf Rossis Klebebild.

„Hasst du es auch so, wenn du ständig immer dieselben ziehst?"

Mein Hals war auf einmal irgendwie trocken, die Worte staubten eher als dass sie klangen aus meinem Mund. „Ja, das nervt!"

„Kannst du ihn gebrauchen? Er verfolgt mich — irgendwie. Hab ihn schon elfmal." Er hielt mir das Ende meiner Suche entgegen.

Trompeten und Fanfaren würden in meinem Kopf erklingen, wenn ich es in das leere Feld im Album kleben würde — so viel war mal sicher.

Michael musste meinen Gesichtsausdruck erkannt haben. Er lächelte.

 

Die Welt war in Ordnung. Im absoluten Gleichgewicht mit dem Rest des Universums. So etwas kann eine halbe Ewigkeit andauern. In unserem Fall dauerte sie weniger als 30 Sekunden. Dann kamen Uwe und Stefan die Treppe vom Parkplatz oberhalb des Bushäuschens heruntergepoltert. Bewaffnet mit Stangenwassereis, dem für einen Groschen.

„Hey, Keule!", begrüßten sie mich, die Kugel und die Bohnenstange, wie sie hinter ihrem Rücken genannt wurden. Allerdings nur solange, bis dies ihnen an die Ohren drang.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Und Verräter haben immer Konjunktur. Besonders im Klassenraum, der sein eigenes Universum ist. Und Uwe und Stefan waren die Herren dieses Universums — wenn man den Mikrokosmos einer Klassengemeinschaft /Dorfjugend so betiteln kann.

Ihre Laune sank rapide, als sie Michael im Bushäuschen erblickten.

„Was macht denn der Spacken da?", giftete Uwe.

Michael zuckte bei der ihm wohlbekannten Titulierung kurz zusammen.

„Klebebildchen sammeln — voll für 'n Kindergarten!", gab Stefan sein Urteil ab.

Damit war es entschieden: das immer noch in Michaels Hand auf mich wartende Sammelbild durfte nicht zu mir. Stefan übernahm das für mich. Er schnappte sich Rossi aus Michaels Hand, betrachtete es kurz, während er an seinem Wassereis schlürfte und — zerknüllte es.

Mein Herzschlag setzte aus.

Ich mag mich heute nicht mehr so genau daran erinnern, aber ich meine selbst heute beim bloßen Gedanken an diesen Moment einen Stich zu spüren.

Einen Stich, der mich bis ins Mark traf.

Leider dauerte die daraus resultierende Erschütterung einfach zu lange. Ich bin mein ganzes Leben lang ein Spätzünder geblieben.

Damals sah ich dem zerknüllten Sammelbild hinterher, wie Stefan es Michael an den Kopf warf.

„T000000r!", brüllte Uwe dazu.

Seine semmelblonden Haare, die ihm bis über den Kragen hingen schüttelte er wie beim Headbangen, das er einige Jahre später für sich entdeckte.

Das zerknüllte Bild fiel zu Boden und kam vor Michaels Füßen zu liegen. Stefan und Uwe lachten dazu hämisch. Ich schluckte, tat aber weiterhin nichts.

Einzig Michael mochte meine Miene in jenem Moment deuten können. Sehnsüchtig hing mein Blick an dem verlorenen Rossi.

Dann trat Stefan an mir vorbei und versetzte dem Karton mit den Sammelbildtüten noch einen Tritt, so dass diese quer durch das Bushäuschen flogen.

Ganz großes Kino. Mission erfüllt. Die beiden wandten sich zum Gehen. „Kommste?!"

Das war keine Frage, auch keine freundliche Aufforderung. Uwe wollte wissen, wie es um meine Haltung und Loyalität stand.

Schlussendlich hatte Michael meine Position in der Klasse als Prügelknabe geerbt. Und ich war nicht scharf drauf, sie wieder zurückzubekommen. Oder auch nur zu teilen. Als braver Lemming sprang ich somit von der Klippe und trottete brav hinter Uwe und Stefan her.

Als wir auf die Straße traten, um sie zu überqueren, sah ich mich noch einmal verstohlen um. Michael sammelte auf Knien die Tüten ein, sah dabei aber auch in unsere Richtung.

Unsere Blicke trafen sich. „Es tut mir leid", murmelte ich stumm. Und ich meinte, was ich sagte. Am liebsten gesagt hätte. Doch Michael verstand mich auch so. Zumindest glaube ich es bis heute. Ich beeilte mich, wegzusehen. Dann folgte ich Uwe und Stefan über die Straße in den Rest des Nachmittags und den Rest meiner weiterhin ähnlich nutz- und ereignislos verlaufenden Jugend.

Ich habe mich als Kind geschämt wegen verschiedener Dinge, die heute nicht der Rede wert sind. Diese Sache allerdings brannte nach, unbarmherzig und stetig. Und Jahre später, als wir alle in der Abschlussklasse waren und Michael die Abschlussrede hielt, brannte sie immer noch.

Dinge, die man sich selbst nicht verzeihen kann, sind die wahren Tätowierungen auf unserer Seele.

... Da hilft auch Kölsch nur ansatzweise.

Mein Blick hat sich an den Buchstaben von Michaels

Charakterisierung festgebissen. Sie scheinen zu tanzen, so sehr starre ich sie an. Auf sie, durch sie — auf eine andere Seite, die nur ich sehen kann. Entrückt.

Jemand tritt an meinen Tisch und ich ziehe mich wieder aus dem Jenseitigen ins Hier zurück.

Die Kellnerin, eine der angehenden Abiturientinnen des aktuellen Jahrgangs der uns Alte heute Abend bedient, stellt mir ein frisch Gezapftes vor die Nase.

Ich sehe sie etwas verwirrt an.

„Von Michael, soll ich Ihnen sagen! Er musste weg und er lässt sie schön grüßen."

Ich scheine den Grad vollkommener Verwirrtheit erreicht zu haben und starre ihr mitten in ihre grünen Augen. Sie zwinkert mir zu — und spricht weiter. So, wie man zu einem kleinen verwirrten Kind spricht, um es nicht unnötig weiter zu verunsichern.

„Ich soll Ihnen auch sagen, dass alles gut ist. Vollkommen gut." Jetzt wird ihr Lächeln ein wenig schief. Was vermutlich daran liegt, dass sie kurz über die Worte nachgedacht hat und mich dabei anschauen muss. Was das Gesamtbild ein wenig in Schieflage bringt. Ich muss unwillkürlich lächeln — und rette damit die Situation.

„HEYAHEYAHEYAHO!!!" — der alte Schlachtruf aus der Jungsumkleide erreicht uns und beide schauen wir zur Theke, wo Uwe und Stefan den Fünfzehnjährigen raushängen lassen müssen. Manche altern mit Würde. Manche altern. Simpel. Sonst nix.

„Peinlich, oder?", raunen wir beide uns zu — und müssen unwillkürlich kichern ob unseres gedanklichen Bündnisses. Ich leere mein altes Glas und reiche es ihr zum Mitnehmen.

Sie nickt mir noch einmal zu, dann geht sie weiter.

Und ich wende mich dem neuen Glas meines edlen Spenders zu.

Micha, auf dein Wohl!, denke ich und bin im Begriff, es hochzuheben.

Da fällt mir auf, dass etwas in der kondensierten Feuchtigkeit unter dem Glas klebt. Ich greife danach und — habe „Rossi" in der Hand. Der fehlende „Rossi" von einst. Der mir auch heute noch fehlt — denn ich habe das Album nie fertig gesammelt nach jenem Tag im August. Ich habe einen Frosch im Hals, der mir das Atmen schwer macht. Meine Augen werden feucht, feuchter als feucht. Und mein Blick verschwimmt.

„HEYAHEYAHEYA! Was ist, Keule! Traurig, dass das Bier gelb ist?", blökt Uwe mir grinsend und wiehernd von der Theke herüber.

„Danke, Jungs!", proste ich hinüber. „Ihr gebt mir den Glauben daran zurück, dass Nutzlosigkeit kein Karrierehinderungsgrund sein muss!"

Uwe hat sein Glas erhoben, jetzt hält er inne. Ich kann sehen, wie es in seinem Gesicht arbeitet.

„Wie meinst 'n das jetz?", fragt er lauernd.

Aber da nehme ich den Mut, den ich mir vor Jahren versagt habe, von der Ersatzbank und bringe ihn nach zwanzig Jahren urplötzlich ins Spiel.

„Danke, dass manches immer Bestand haben wird!"

Ich verstaue Rossi in meiner Brusttasche und mache mich auf eine Tracht Prügel gefasst, die ich verdient habe. Die mit Zinsen angefettet wurden, welche das gesamte Bankwesen blass werden ließe, müssten sie diese tatsächlich auszahlen.

Aber bevor ich dieses Abitur-Nachtreffen schlussendlich zur Legende werden ließ, durfte ich noch ganz gut austeilen.

Uwe und Stefan sind — nach allem was ich gehört habe — anschließend bei jedem endgültig unten durch gewesen. Alles braucht seine Zeit.

Und meine dabei gebrochene Nase trage ich heute leicht schief und etwas höher als früher.

Meine Frau findet, ich sehe so tatsächlich männlicher aus. Irgendwie vollkommen halt.

Ich lache bei ihren Worten und denke mir: Wenn so Vollkommenheit aussieht — hätte ich mir die Nase schon damals mit Freuden brechen lassen.

Richtige Vollkommenheit erfahre ich allerdings, wenn ich das nach all der Zeit nun endlich vollständige Sammelalbum durchblättere. Und Rossi mir zuzuzwinkern scheint.

Michael habe ich übrigens — dank des Jahrgangshefts, in dem auch seine Adresse zu finden ist

— angerufen.

Es war ein überraschend langes Gespräch.

An dessen Ende wir uns verabredet haben.

Hier und heute.

 

Leseprobe:
Peter J. Scholz
Irgendwas, das bleibt – Hinterhältig Gegenwärtiges
Edition Paashaas Verlag
ISBN: 978-3-942614-24-5
Paperback, 168 Seiten, 12,50 €
Neuerscheinung August 2012

Die Schule ist aus


Es ist kurz vor dem Klingeln, als plötzlich die Klassentür aufgeht. Gerade noch habe ich die anwesenden Schüler der 8d mit Anekdoten aus meiner Referendarzeit gefüttert, nur um die schon am Boden liegende Aufmerksamkeit noch ein wenig mehr zu motivieren, da betritt Anselm den Raum.

Wer ist so verblendet und nennt sein Kind Anselm?

So gegen jeden Trend? Irgendwie ist diese Assoziation augenblicklich da — kann nichts dagegen tun — es passiert schon in dem Moment, indem ich ihn sehe. Und dann — unwillkürlich — der Gedanke: „Das muss ein Scheißleben sein, mit so einem Namen!"

Eine solche elterliche Entscheidung bereitet den Nährboden für ein Leben in der schulischen Vorhölle auf Jahre hinweg. Die Gedankenkette kommt ins stocken, als ich die Pistole sehe, die Anselm mitgebracht hat.

Noch zeigt der Lauf der Waffe zu Boden, aber der springende Punkt ist: Er hält sie in der Hand!

Nicht allzu viel Spielraum...

Ein erschreckter und zugleich überraschter Laut entfährt Mirja, die vorne zum Pult hin ihren Platz hat.

„Anselm...", beginne ich um ein wenig... ein wenig was?

Zu deeskalieren? Hier gibt es nichts zu deeskalieren. Weiterhin zeigt die Waffe zu Boden.

In meinem geschulten Kopf spielt sich in Sekundenbruchteilen das seit Columbine in allen Medien propagierte Horrorszenario ab: Bilderfetzen, die von einem alles überlagernden Klangteppich aus schreien, weinen, wimmern, stöhnen und da zwischen gebellten Kommandos miteinander verbunden werden.

Und dann fallen Schüsse...

„Hallo zusammen!"

Anselms ruhige Stimme zerreißt den Bildersturm, den mein Gedächtnis auf die Innenseite meiner Netzhaut projizierte.

„Ich wollte mich nur für die letzten Schuljahre bedanken, bevor wir alle in die Ferien verschwinden."

Er lächelt bei diesen Worten.

Der Pistolenlauf zeigt weiterhin zu Boden.

Die von Mirja ausgelöste Unruhe hat sich in den wenigen vergangenen Augenblicken wellenförmig im Klassenzimmer ausgebreitet.

Es dauert nur wenige Momente, bis der Wechsel von Unglauben zur Realisation des Geschehens bis zur Angst und der daraus resultierenden Panik erreicht ist.

Na gute Nacht, schießt es mir durch den Kopf!

„Herr Breuer! Tun Sie doch was! Er hat eine Pistole!”

Kevins überkippende Stimme rast durch den Raum. Mit ihr fährt das Nach-Luft-japsen von etlichen Klassenkameraden.

„Ääähh, ja..."

Wie blöd ist das denn?

Hier herumzustammeln?

Ich räuspere mich, während ich versuche, lässig vom Pult aufzustehen.

Dies wird als Signal verstanden, es mir gleich zu tun.

In der schlagartig anschwellenden Hektik fallen Stühle um, Schreie erklingen, die anwesenden Schüler und Schülerinnen verwandeln sich in einen kleinen Mob, der Panik und nackte Angst ausschwitzt. Sie drängen nach vorne — nur um schlagartig innezuhalten.

Anselm hat die Waffe auf meinen Kopf gerichtet.

Das muss ein Bild sein: Der Traum eines jeden gedemütigten Schülers.

Die Stampede der Schüler friert augenblicklich ein.

„SETZEN!"

Anselms Stimme ist freundlich aber bestimmt.

Die Kids kommen seiner Aufforderung augenblicklich nach, bis auf zwei Ausnahmen. Die beiden Mädchen, Kassandra und Susanne, sind in einer Starre gefangen.

Ihre Klassenkameraden spüren dies.

Panisches Gemurmel, man zieht an ihren Shirts und Jacken, vorsichtig aber bestimmt. Flüstert beschwörend auf sie ein. Susanne schlägt die Augen nieder, als sie sich endlich wieder bewegen kann. Sie setzt sich.

Kassandra bleibt weiterhin wie angewurzelt stehen.

„Kassandra...“, krächze ich ihren Namen. „Würdest du..."

Sie sieht mich mit tränennassen, wütenden Augen an.

Warum tue ich nichts?, wirft mir dieser Blick vor.

Diese Mischung aus Angst und hilfloser Wut und ihre Ohnmacht, die wie ein Dolch in meine Augen und von dort in meinen Kopf fährt, machen mich sprachlos.

Die Starre weicht von ihr, Kassandra setzt sich.

Stille.

Vereinzeltes Weinen.

„Nun, Herr Breuer?"

Anselms Stimme — fest und sanft zugleich — holt mich wieder zurück.

„Jaaa...", klingt es lahm aus meinem Mund. Irgendwie scheine ich mich zweigeteilt zu haben. Ich stehe neben mir und sehe mir dabei zu, wie ich — die Pistolenmündung am Kopf — mich in selbigen geflüchtet habe. Ich erscheine mir selbst wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat.

Anselm fasst die Waffe mit der freien Hand am Lauf und reicht sie mir.

Ungläubig starre ich auf diese Form der Kapitulation. Der Pistolengriff vor meiner Brust — ich brauche nur zuzugreifen.

Anselm lächelt mich an.

In dem Klingeln, welches das Ende des Unterrichts einläutet, geht seine Stimme beinah unter.

„Sie wissen doch, Herr Breuer. Ihre Aufgabe für diese Stunde: Was bedeutet Macht?"

Für einen Moment muss ich fokussieren, ich ziehe scharf die Luft durch die Zähne ein.

„Wie bitte?"

„Was bedeutet für euch Macht?"

Er sieht mich erwartungsvoll an.

„Habe ich bestanden?"

 

Die Waffe weiterhin mir dargeboten, klingt seine Frage noch lange nach. Doch die Antwort bleibe ich schuldig.

 

Ein Gedicht von mir aus Irgendwas, das bleibt:

Die Made in mir
Manch einer hat die Tiere gern,
ob Hund, ob Katz, ob Kröte,
ein Schmusetier als Augenstern,
das allen Zuspruch böte.

Auch Arachniden, Schlangentier,
sind wahrlich angesehn,
da schlängelt, kribbelt, krabbelt es,
die Halter finden 's schön.


So hat ein jeder im Getier
sein Lieblingsding, das schnurrt,
das Gift absondert, hechelt, schleckt,
doch meistens scheißt und gurrt.


Da wiehert, grunzt und schnaubet es,
als kriegt es das vergütet.
Auch ich hab eine Spezies gern,
die besser eingetütet.


Die Made ist mein Lieblingsvieh,
ist klein, doch effektiv!
Beim ersten Blick sieht man sie kaum.
Sie sitzt meist etwas tief.


Ob tief im Boden oder Fleisch,
ob hinters Baumes Rinde,
da schlängelt, windet, würmt es sich,
wie's öffentlich keiner finde.


Zumeist verspürt man Ekel dann,
find man sie in der Speise.
Ob Kind ob Kegel, Frau und Mann,
die schreien — die Mad schmatzt leise.


Sie dreht und wälzt und windet sich
mit ihren Anverwandten.
Und frisst, vertilgt was fürchterlich
vergammelt, abgestanden.


Und in der Scheiße wühlt sie auch.
Da kennt sie kein Pardon!
Was wir verschmähn, füllt ihren Bauch.
Da kennt sie auch kein NON!


Doch ist von Vorteil ihre Größ'.
Ich hab sie stets dabei.
Pack am Buffet sie ans Gemüs
und hab mein Essen frei.


Denn jeder Gastwirt ist verschreckt,
wenn man ihm präsentiert,
was man im Grünzeug aufgedeckt
und tut dabei schockiert.


So freß ich gratis mich durchs Land,
bekomm noch Geld dabei.
Hab ich mein Kleinvieh rasch zur Hand,
so sind wir sorgenfrei.

Denn erst durch meine Madenzucht
fand ich den Weg für mich.
Ein jeder stets nach sich selbst sucht.
Ich bin als Made ICH.

 

Leseprobe aus Ein glückliches Katzenleben, Band 2

Bodyguard

Der kleine Kater ist aufgeregt, sein Herz pocht ihm bis zum Hals, doch die Neugier siegt. So setzt er seine linke Vorderpfote aus dem Transportkörbchen hinaus auf die Fliesen der Küche. Er ist knapp drei Monate alt, ein fremder Mensch hat ihn von seiner Mutter und seinen Geschwistern weggeholt.
Warum?
Was hat er so schlimmes getan, dass er nicht mehr bei seiner Familie bleiben darf? Der kleine schwarze Kater versteht die Welt nicht mehr. Und was soll das eigentlich bedeuten: „Blacky!?“
So zumindest spricht der neue Mensch – eine Menschin, etwas Weibliches auf jeden Fall, die riechen nämlich anders als die Männchen-Menschen.
„Blacky, keine Angst.“ „Blacky, jetzt bist du bei uns!“ „Blacky, komm raus und schau dich um!“ „Blacky, Blacky, Blacky.“
Und dabei sieht die Menschin ihn immer so an. So hat seine Mutter ihn auch immer angesehen, bevor sie ihn mit ihrer rauen großen Zunge ge-striegelt und geputzt hat. Was er immer abzuwehren versuchte. Aber was würde er jetzt darum geben, lang und breit und stundenlang gestriegelt zu werden. Hilft ja nix.
Die rechte Vorderpfote wird nun auf den gekachelten Küchenboden ge-setzt. Jutta wird es warm ums Herz.
„Ja, gut so. Komm her“, lockt die neunundzwanzigjährige Frau das kleine Fellbündel, welches derzeit nur aus unendlich großen Augen zu bestehen scheint.
Vor einer Woche hat sie ihn aus dem Wurf seiner Geschwister ausgesucht. Weil er als Erster zu ihr kam, als sie die Hand ausstreckte. Und ein kurzes Schnurren hören ließ. Das war Balsam für ihre Seele.
Vier Wochen ist sie mittlerweile schon aus dem Krankenhaus raus, doch bis heute hat sie es vermieden, den Raum im ersten Stock zu betreten, der schon für den neuen Menschen im Haus vorgesehen war.
Dieter war rührend um sie besorgt, doch irgendwann stand Trauer nur noch wie eine Mauer zwischen ihnen. Bevor der Zement dieser Situation endgültig hart werden konnte, sah sie beim Einkaufen auf der Pinwand der Kunden den Hinweis auf junge Kätzchen, die zu verschenken seien.
Und so kam es, dass sie nun ein neues Familienmitglied begrüßt.
Es erschien ganz natürlich als erster Gedanke, der nach vorn gerichtet war. Alles ist besser als Stillstand. Und Dieter ließ sie gewähren. Um der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass der kleine schwarze Kater Jutta nicht wirklich ausgewählt hat. Einzig die von Jutta hingehaltene Hand und die Bewegung ihrer Finger interessierten ihn. Aber so sind wir Menschen: kaum zeigt jemand Interesse, so interpretieren wir automatisch Vertrau-en hinein. Dabei ist der Urinstinkt einfache Neugier.
Und so sind sie jetzt hier: Die junge Frau und das kleine schwarze Fell-bündel mit den weißen Pfoten und dem weißen Lätzchen, das nun in ge-fühlter und erlebter Zeitlupe aus dem Transportkörbchen steigt.
Die Augen wandern hierhin und dorthin, das Näschen zuckt und nimmt die Düfte auf, die hier in der Küche vorherrschen.
„So ist´s gut, Blacky!“, muntert Jutta den kleinen Kater auf. „Sieh dich ruhig um!“ Sie dämpft ihre Stimme bei diesen Worten. Die Stille im Raum ist angefüllt von der Spannung welche Mensch und Tier gleichermaßen im Griff hat. Blacky tut einen weiteren Schritt. Seine Schnurrhaare scheinen zu vibrieren. Und gerade als er sich in Richtung Jutta zu orientieren scheint, schießt eine Gestalt in die Küche. Eine ziemlich große Gestalt auf vier Pfoten.
Ein Hund, ein Neufundländer mit Namen…. „MAX!!!!! Max, nein! Aus!“
Die rund achtzig Kilo fellbewehrtes Hundekalb (wie Dieter ihn einst pas-send beschrieb und Jutta auf immer mit ihm verbinden wird) kommen ein wenig unkoordiniert zum Stehen. Pure Freude blitzt zwischen den Vorhängen aus Fell aus seinen Augen – auch wenn der Ordnungsruf bei ihm ankommt, findet er noch Zeit Jutta sabbernde Zuneigung mittels seiner Zunge über die Hand zu schlabbern.
„Pfui! Böser Hund! Aus!“ Jutta ist verärgert, erschrocken und besorgt gleichermaßen. Max kann das riechen. Und noch etwas anderes. Das ist neu.
KATZE!
Er dreht sich etwas unkoordiniert durch die Beengtheit der kleinen Küche und sieht Blacky. Max mag Katzen, aber das weiß der kleine Kater natürlich noch nicht.
Als das große Tier - dessen Hundegeruch Blacky noch nichts sagt, weil er einem Vertreter dieser Gattung noch nie begegnet ist – sich ihm nähert, reagiert der Kater rein instinktgesteuert. Als Max seinen Kopf Blacky entgegenreckt, hinterlassen dessen kleine Krallen einen spürbaren Schmerz auf der empfindlichen Hundnase. Der Schreck ist allerdings um ein vielfaches größer.
Er springt zurück und reißt durch die Beengtheit der Küche einen der beiden Küchenstühle um, auf dem Jutta den Einkaufskorb abgestellt hat, in dem noch die Einkäufe liegen, die sie getätigt hat, bevor sie Blacky ab-holte. Alles purzelt heraus, fliegt durch die Gegend und erschreckt alle drei gleich noch einmal.
Max flüchtet hinaus aus der Küche.
Jutta bleibt zurück – am Boden die Hälfte des Zehnerpacks Eier aus dem Einkauf, die sich nun ein zerbrochenes Stelldichein geben.
Und ein kleiner Kater, der erst drei Stunden später soweit ist, hinter dem Mülleimer wieder hervorzukommen, hinter den er in Deckung geflüchtet ist.
Als Dieter von der Arbeit nach Hause kommt, findet er seine Frau in einer anderen Art der Trauerarbeit vor und einen Hund, der das Geschehene zwar munter weggesteckt hat, jedoch für den Rest des Tages Küchenverbot bekommt. Was sich ihm niemand die Mühe macht, auch nur ansatzweise zu erklären.
Der neue Hausbewohner hat sich inzwischen in sein Körbchen verzogen und weigert sich standhaft auch nur einmal heraus zu kommen…
Mit dieser Art von gezogenen Fronten wird es für alle Beteiligten eine eher anstrengende Nacht. Wobei Dieter mit Abstand am tiefsten schläft.
Inzwischen träumt Jutta von Katzen in Kinderwagen, Max von seinem Fressnapf – den man nach dem ganzen Wirbel schlichtweg vergessen hat ihm in den Flur hinaus zu stellen und Blacky träumt von seinen Geschwistern (was er vorher nie getan hat)…
Zwei Tage sind inzwischen vergangen. In dieser Zeit hat Blacky sein Körbchen nur verlassen, um das Wasserschälchen aufzusuchen, Appetit hat er keinen. Das Katzenklo, das Jutta notgedrungen in der Küche aufgestellt hat, wurde inspiziert und für gut befunden. Das zumindest entnahm Jutta dem Fund, den sie am Morgen des zweiten Tages getätigt hatte: eine klitzekleine Wurst.
Der Anfang scheint gemacht.
Während die zweite Wochenhälfte anbricht – Blacky kam am Montag in die kleine Familie – macht Jutta sich nun langsam Sorgen: Ab der kom-menden Woche wollte sie wieder arbeiten gehen. Zwar nur eine Halbtagsstelle, aber sie will Blacky ungern sich selbst überlassen. Max kennt diese Vormittage draußen im Hof und hat kein Problem damit, doch was ist mit dem kleinen Kater?
Während sie das Gemüse an diesem späten Donnerstagvormittag putzt und das Radio auf dem Sideboard dazu die Art von Gefälligkeitsmusik im patentierten Hitmix - Oldie, Aktuell, Kulthit  - dudelt, fällt ihr ein, dass sie noch etwas Petersilie braucht. Die steht nach hinten raus, draußen neben der Küchentür. In Gedanken öffnet sie diese und während sie hinaustritt, entwischt Blacky durch ihre Beine über die drei Treppenstufen hinaus in den Hof.
Dort bleibt er stehen und sieht sich um.
Zwei Mauern rechts und links begrenzen das Grundstück zu den unmit-telbaren Nachbarn hin. Linker Hand ein Stück Rasen mit einer Wäschelei-ne. Rechts die Flachdachgarage mit dem kiesbestreuten Dach und davor der asphaltierte Hof. Und zu ihm hin die Einfahrt rechts am Haus vorbei, die zur Straße hin führt. Einzig ein kleines schmiedeeisernes Tor dient als Grenze. Wenn Blacky diesen Weg wählt, könnte er entkommen und davonlaufen.
Jutta bekommt Panik. „Blacky!“, ruft sie, lauter als geplant. „Komm her, Miez Miez!“ Blacky zögert, legt den Kopf ein wenig schief.
Jutta kommt auf ihn zu, die drei Treppenstufen hinab, darauf bedacht möglichst langsame Bewegungen zu machen. Just in diesem Augenblick, biegen zwei Siamkatzen um die Ecke der Einfahrt auf den Hof. Paris und Penelope – die beiden Herrscherinnen der Nachbarschaft. Eine eitler als die andere.
Kurz nach ihrem Einzug in das Haus, wollte Jutta die beiden Edelkatzen locken – doch das Ergebnis waren zwei lange Kratzer an ihrem Unterarm. Zwei Maunzer seitens der beiden Diven, die man als hämisches Gelächter deuten konnte und die Abneigung gegen die beiden Samtpfoten haben sich seitdem in Jutta manifestiert.
Als sie Blacky ansichtig werden, bleiben sie stehen.
Sie werden zu lebenden Statuen – einzig ihre nach oben gerichteten Schwänze peitschen hin und her.
Blacky riecht die Gegenwart seiner Art. Er lässt ein Mauzen hören, das ein wenig brüchig klingt, das von einem unisono ausgestoßenen doppelten Fauchen quittiert wird.
Paris setzt sich auf die Hinterläufe und putzt sich demonstrativ. Penelope hingegen schwebt förmlich auf Blacky zu. Ihre Körperhaltung vermittelt ihre Abscheu vor dem Katzenkind. Die Augen halb zusammengekniffen fixiert sie den Störenfried in ihrem angestammten Revier. Blacky ist ver-wirrt – bislang kannte er von seiner Art nur Zuneigung und Liebe. Das hier ist vollkommen anders.
Jutta bekommt es mit der Angst zu tun. Wie angewurzelt verfolgt sie die Situation. Noch einmal ruft sie ihren kleinen Kater – diesmal so laut und so angstvoll wie nie zuvor: „Blacky! Komm her!!!“
Die Szenerie scheint einzufrieren.
Penelope macht sich bereit zum Sprung auf Blacky zu, da fliegt ein großer Schatten aus der Küchentür, nimmt die drei Treppenstufen auf einmal und landet – nach einmaligem Aufsetzen – über dem kleinen Stubentiger. Der Körper des Neufundländers zittert ein wenig, so schnelle Einsätze ist er weiß Gott nicht gewohnt. Blacky sieht nach oben: der Himmel der bis eben noch unendlich schien, ist schwarz, fellbewehrt und riecht nach Hund.
Doch diesmal ist das vollkommen in Ordnung.
Jutta stößt die Luft aus ihren Lungen. So ein Bild bekommt man nicht alle Tage geboten: Blacky tut einen Schritt nach vorne und reckt den Hals.
Noch Jahre später wenn sie diese Geschichte erzählen wird, wird sie Stein und Bein darauf schwören, dass der Hund dem kleinen Kater zugeblinzelt hat. Dass sie offensichtlich vergessen hat, die Küchentür zum Flur hin zuzuschließen, um Max am hereinkommen zu hindern, wird zur Nebensache. Denn der Kater blinzelt zurück.
Erst dann wendet Blacky sich der ebenso überraschten Penelope zu, die gerade erst aus ihrer Angriffshaltung zu erwachen scheint.
Diese lässt ein frustriertes Fauchen hören. Was nichts ist – verglichen mit dem tiefen Bellen von Max. Bei dem sich Blacky nun nicht einen Millime-ter bewegt. Penelope und Paris ergreifen die Flucht.
Und von diesem Tag an machen sie einen weiten Bogen um das Grund-stück.
Blacky reibt sein Köpfchen an Max Vorderbein. Der große Hund nimmt dies wohlwollend zur Kenntnis, dann schlabbert er den kleinen Kater mit seiner großen Zunge ab. Und das erinnert Blacky an seine Mutter. Er schüttelt sich kurz, dann beschmust er seinen neuen Freund und Body-guard erneut.
Jutta wünscht sich in diesem Moment nichts sehnlicher als eine Kamera um das Geschehen festzuhalten. Aus dem Radio in der Küche ist gerade Whitney Hustons Stimme zu hören: „And I will always love you….“ Wie überaus passend, denkt Jutta. Die diesem Song eigentlich noch nie viel abgewinnen konnte.
Und so wartet sie, bis der Neuzugang der Familie und sein Bodyguard schlussendlich auf sie zukommen…
….. um zusammen mit ihr wieder die Treppenstufen zurück in die Küche zu gehen. In ihr aller Zuhause…